Es ist sowieso zum Kopfschütteln, was die Menschen vor allem vor Weihnachten anstellen. Vor diesen Tagen, die sie „Feiertage“ nennen, rennen sie durch die Gegend, als gäbe es rechts und links neben ihnen gar nichts mehr zu sehen. Meine Güte, so dumm kann doch aber niemand sein! Man muss doch aufpassen, was um einen herum geschieht. Ich jedenfalls kann mir solches Verhalten nicht erlauben. Das ist viel zu gefährlich. Außerdem lassen sich andere Katzen und Kater von mir keinesfalls gefallen, dass ich sie nicht sehe oder vielleicht gar über sie stolpere. 

 

Unentwegt klingelt bei uns dieser Tage auch das Telefon. Meine empfindlichen Ohren sind nun schon ganz taub. Sascha und ich sind zwar fast immer allein zuhause, aber trotzdem meine ich, es sind oft ganz viele Leute da, die ich nur nicht sehe. Da gibt es nämlich auch noch so eine andere laute Kiste, die zeigt mir keine Bilder von großen Tieren, aber ich höre Stimmen. Oft singen diese Stimmen. Ob mein Freund diese Stimmen auch hört? Bei ihm bin ich mir nicht sicher, aber bei Steffi, denn sie dreht diese Kiste immer so, dass es ganz laut ist. Doch Sascha scheinen dann die Ohren weh zu tun. Er dreht immer leise.

 

Manchmal singt Sascha zuhause, aber nur, wenn Steffi nicht da ist. Steffi singt schön, :smile: Bei Sascha hört es sich an, als würde eine Regentonne halb leer sein und sich darüber vom Bauch heraus beschweren. Mein Freund hört aber sehr gern Musik an, doch eher selten mit dieser lauten Kiste. Meist sitzt er am Schreibtisch und klopft darauf herum. Dabei schaut er vor sich hin auf ein beleuchtetes Fenster, in dem ganz wild viele Zeichen oder Bilder tanzen. Da gibt es dann auch Musik. Jetzt an Weihnachten hört Sascha sich dort Sachen an, die ich auch mag. Es sind Lieder, die nur selten sonst aus der anderen lauten Kiste kommen. Diese Musik hinter dem komischen Fenster ist seit Heiligabend bei uns. Mein Freund nimmt immer eine von zwei Scheiben und versteckt sie unter seinem Schreibtisch. Dann hören wir zusammen Lieder, die einer singt, der das seit vielen Jahren macht. Er heißt Helmut Grundmann und wohnt in Hamburg. Sascha weiß, dass Helmut ein Opernsänger ist. Außerdem gibt es auch Lieder, die direkt aus dem beleuchteten Fenster zu uns kommen. Dahinter singt einer, der in Spanien wohnt. Das ist Juan Bolinches. Er singt auch sehr schön. Ich bin mit Sascha sehr einverstanden, hört er dann lange diesen beiden Freunden zu.

 

Zu anderen Zeiten redet Sascha am Schreibtisch, klopft auf seiner Tastatur herum, neben der eine Maus liegt, die ich nicht essen kann. Ab und zu holt er dabei ganz tief Luft und quatscht dann irgendwie anders. Auch so aus dem Bauch heraus, entweder sitzt er dabei sehr gerade oder läuft im Zimmer umher. Jedenfalls macht mein Freund dann etwas ganz Wichtiges. Dabei höre ich ihm auch zu. Es ist dann immer so feierlich bei uns, als käme gleich hoher Besuch. Schon einige Zeit weiß ich, dass man „Rezitieren“ nennt, was mein Freund da manchmal treibt. Solange Steffi jetzt nicht hier bei uns ist, macht Sascha diese Sache sehr oft. Sonst geht es nicht so gut, weil Steffi nur nachts arbeitet und am Tag schläft.

 

Wollt ihr wissen, ob zu mir der Weihnachtsmann gekommen ist? Ja, der gute, alte Mann ist bei uns eingekehrt. Seitdem bin ich stolzer Besitzer von neuem Essgeschirr, das heißt, ich darf nun von ganz besonderen Tellern essen. Die sind etwas größer als meine alten. Sascha findet, dass ich neben den kleineren Tellern sonst sehr krümele. Deswegen holt er nun für mich immer diese feinen Teller aus einem langen Schrank im Wohnzimmer. Das ist ein Schrank, in den ich oft hinein spazieren möchte, weil darin Geheimnisse liegen, die ich gerne wüsste. Es ist nämlich so, dass sonst vor allem Steffi diesen Schrank liebt. Greift sie dort hinein, etwas suchen, dann kommt sie auch nicht mit leeren Händen wieder hervor. Was sie dort raus holt, das ißt sie abends beim Fernsehen auf der Couch. So fällt für mich bei ihr immer etwas ab. Doch ich darf nicht in diesen Schrank. Dabei versuche ich immer wieder, so unauffällig als möglich, darin zu verschwinden. Sascha sagt dann, ich sei wie ein Fahrgast bei der deutschen Bahn kurz vor der Zugabfahrt. Das meint er wohl, weil er mich oft noch festhält, bevor sich die Schranktüren schließen.

Zuhören - Dabeisein
Zuhören - Dabeisein
Feiertagsruhe
Feiertagsruhe
Ich helfe immer gern ...
Ich helfe immer gern ...

In unserem anderen großen Zimmer liegt jetzt auf dem Tisch ein kleiner Berg Grünzeug. Das ist Tanne, die stachelt. Darauf sitzen so blitzende Teile, die ich gern mag. Sie sehen hübsch aus und sind für mich zum Spielen ganz wunderbar. Aber ich mache das nicht. Ich bemerke, dass Sascha sich daran erfreut und so lasse ich ihm diese Sachen. Er spielt damit nicht, doch dafür macht er daneben immer ein Licht an. Es gibt so ein Hölzchen, das zischt, wenn Sascha es benutzt. Dann erscheint am Hölzchen auch ein kleines Licht. Das ist ganz heiß. Ich halte mich davon fern, bis es wieder aus ist. Dann sitzt das kleine Licht auf einer anderen Sache und wird dort langsam etwas größer. Das ist angenehm, nur muss ich immer gut auf meinen Schwanz aufpassen, will ich an diesem Licht vorbei zum anderen Tischende in meine große Schale.


So ist Weihnachten. Letztes Jahr ist es anders gewesen. Den schönen Baum im Zimmer vergesse ich nie. In diesem Jahr ist keiner da. Uns reicht das grüne Zeug auf dem Tisch.


Liebe Freunde!


Ich schreibe noch einmal, bevor die Nacht kommt, in der es draußen immer so laut knallt und blitzt. Es ist eine Nacht, vor der ich mich fürchte. Doch werde ich nicht allein sein. Zum Glück ist meiner Freund Sascha bei mir und ich bin jetzt sein „Schatz“, wenigstens vorübergehend. Das steht fest, ob er es mir nun sagt oder nicht.


Nun winke ich euch allen herzlich zu und wünsche euch viele frohe Stunden! Überarbeitet euch nicht in diesen Tagen! Überall ist Weihnachten und es kommt nicht darauf an, ob man einen Tag „Feiertag“ nennt oder einen anderen nicht. Schließlich hält schon seit Mitte Dezember in unserem Land die Zeit an und wird erst nach dem neuen Jahr wieder in Gang gesetzt.


Herzliche Grüße vom Ypsilon